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Berge und 20 Jahre alte Geschichten

Moin

So. Ich habe beschlossen, dass ich die Berichte jetzt mal wieder mit richtigen Namen versehen sollte. Sonst sind wir irgendwann bei "34. Eindrücke aus Basel" angekommen, und niemand kann mehr auseinanderhalten, in welchem davon ich von Sonne und Regen berichtet hatte.

Das darf nicht sein!

Außerdem ist es ja auch ein wenig Etikettenschwindel.

Und ich vertue da ganz wundervolle Chancen. Hätte ich doch den letzten Bericht "Der entfesselte Franken" genannt. Nu is zu spät.

Anyway, heute geht es also — wie der Titel ja schon sagt — um Berge.

Naiv wie ich bin hatte ich unseren Umzug in die Schweiz grundsätzlich mit "Umzug in die Berge" gleichgesetzt. Dass ich zur Arbeit und zurück jeweils 100 Höhenmeter runter bzw wieder rauf fahre, passt gut dazu.

Aber: Basel hat mit Bergen soviel zu tun, wie Hannover mit der Nordsee.

Die Alpen kommen von Osten in schöner Linie bis Zürich, biegen dann aber nach Süden ab und umgehen Basel weiträumig.

Wenn man in Basel gerne in die Berge gehen möchte, dann bedeutet das entweder Vogesen, Schwarzwald, oder einen Trip nach Osten oder Süden.

Und dann werde ich immer gefragt: "Und wo fahrt's Ihr denn dann hin zum Ski?" und muss "Wir fahren nicht Ski" antworten, und schon sind wir beim nächsten Thema.

Einleben

Erinnert Ihr Euch noch daran, wie ich vor Jahren mal darüber sinniert hatte, ob und wo ich mich zuhause fühle? Das war 2001, also vor 14 Jahren!

In der Zwischenzeit wohnen wir in einem anderen Land und haben 10 Jahre in einem weiteren verbracht. Es wird niemanden verwundern, wenn ich auf die Frage heute nicht mehr antworten kann, bzw. wenn meine provisorische Antwort zur Zeit "nirgends" ist.

Zeit, die Standards zu senken. Dazu kann man sehr schön die meistgefragte Frage heranziehen, die ich hier höre: "Na, schon eingelebt?"

Während ich in den ersten Monaten vollautomatisch "Nö" gesagt habe (wir waren ja noch nicht lange da und dann war da auch noch ein neues Baby und so), fühle ich mich seit ein paar Monaten genötigt, über die Frage tatsächlich nachzudenken.

Dabei kommt allerdings auch immer die gleiche Antwort heraus: "Nein", und jetzt weiss ich auch nicht.

Stelle mir zwei Fragen: Was bedeutet es denn eigentlich, "sich eingelebt haben"? Reicht es schon, dass unser Tagesablauf relativ vorhersehbar geworden ist? Und die zweite Frage: Wie tief muss man wohl als Expat / Auswanderer / Immigrant seine Standards herunterschrauben, damit man irgendwann mal ein frohes "Oh ja!" anbringen kann? Oder was genau muss ich tun?

Am Sonntag vor dem coop in Oberwil. Waren reinstellen? Ach was, hier wird nicht geklaut!

Fescht

Letztes Jahr hatte ich schon erwähnt, dass ich dank räumlicher Nähe endlich mal wieder zum Fescht in Karlsruhe gehen kann, und das habe ich auch dieses Jahr wieder getan.

(Nebenschauplatz: Hat irgendwer auf der Welt schonmal jemals "Karlsruhe" im ersten Anlauf korrekt geschrieben? Bei mir kommt immer "kraslruhe" raus, oder auch "kalrsuehr")

Fescht war jedenfalls schön, und diesmal waren auch wieder mehr Leute da, die ich kannte.

Sehr merkwürdig fand' ich, als mir vollkommen unbekannte Bekannte meiner Bekannten über die Gerichtsverhandlung (Zork, Marienstrasse, Müller's Büro, Radfahren auf Bewährung) referierten und es ganz offensichtlich wurde, wie das mittlerweile den Status eines Mythos hat.

Einerseits bedeutet das, dass Fremde Leute Versionen der Geschichte erzählen, die sich langsam aber sicher von der Realität immer weiter entfernen (und dabei sowohl Aspekte aufblähen, als auch Dinge völlig unterschlagen, die eigentlich viel bemerkenswerter waren). Als Beteiligter fühlt man sich dann berufen, Dinge geradezurücken, was die Unbekannten wahrscheinlich gar nicht hören wollen.

Andererseits ist es sehr merkwürdig, Teil eines Mythos zu sein. Ich kann jeden Künstler verstehen, der Angst davor hat, sich von seinen Fans vereinnahmen zu lassen. Fans kennen da gar nichts!

Und wo wir gerade bei der Geschichte mit Zork sind: Wenn es 20 Jahre her ist, dass man gemeinsam studiert und gelebt hat, und wenn seitdem Alle quer verstreut sind, dann liegt es sehr nahe, sich hauptsächlich über Dinge zu unterhalten, die 20 Jahre her sind. "Geschichten von vor 20 Jahren wieder aufwärmen" ist dann a) nett und b) einfacher als sich mit jedem individuell über den Werdegang und die Zwischenzeit zu unterhalten. Für letzteres ist die Szenerie auch einfach nicht richtig, würde ich sagen.

Schweiz

Zurück in die Schweiz und zu einem Thema, das keiner hören will: Umgang mit Ausländern. Insbesondere prangere ich an, wie selektiv die Wahrnehmung ist, wenn es um das Thema geht.

Erinnert Ihr Euch noch an die letzten Europawahlen und wie UKIP im UK abgeschnitten hatte? Ich hatte mich damals schon darüber beschwert, dass es sich als Ausländer im UK nicht mehr so gut anfühlte.

In der Schweiz ist das mit dem Rassismus ein wenig anders, man ist hier relativ offen und selbstverständlich im Umgang damit, was einerseits gut ist (dann weiss man, woran man ist), auf der anderen Seite aber eben rassistisch.

Und die Rolle des guten Ausländers hat man hier selbst als Deutscher, und das nervt mich wirklich.

Auf der einen Seite haben viele Schweizer ein Problem mit Deutschland oder Deutschen, auf der anderen sind wir dann aber "wir", sobald es z.B. um Fahrraddiebstahl geht oder sonst irgendwie die aus dem Osten die Bösen sind.

So ähnlich müssen sich auch blonde Frauen fühlen, wenn Leute Blondinenwitze machen und dann zur anwesenden blonden Frau "ja, aber Du bist ja nicht so" sagen.

Scheisse.

Und auch wenn das jetzt ein etwas blöder Schluss ist, da ich gerne 2015 wenigstens noch einen Bericht posten wollte, tue ich das jetzt.

A schöne Doog noch,
Jan

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