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Dritte Eindrücke aus Basel

Dritte Eindrücke aus Basel

So langsam kommen wir zu Eindrücken, bei denen ich mich nicht mehr so einfach auf "bin ja noch ganz neu hier" berufen kann, ich muß jetzt also etwas fundierter und überlegter berichten. Oder so.

Wir sind seit mehr als 6 Monaten in der Schweiz wohnhaft, da kann man ja schon erwarten, daß wir Dinge kennengelernt oder vielleicht sogar eine Art Routine erreicht haben. Dem ist nicht so, was uns Erwachsene angeht.

Kinder und Schule

Die Kinder allerdings sind mittlerweile ziemlich routiniert. Sie gehen morgens mit zwei Freunden zur Schule, kommen mittags nach Hause, machen ihre Hausaufgaben (von denen es in der Schweiz etwa 100x so viel gibt wie im UK, und ich übetreibe hier nicht), spielen viel draußen und haben ganz gute Freunde gefunden.

Langsam aber sicher eignen sie sich Dialekt und Sprache an ("Papa, ich sage 'nit'.").

Die Schule in der Schweiz ist aus unserer Britisch geprägten Sicht geradezu archaisch.

Wir vermissen den Fokus auf das Kind, bekommen stattdessen einen starken Druck Richtung Uniformität. Beispiel: Kinder dürfen nicht mehr als das gerade zu Lernende tun, egal ob sie das schon können oder nicht. Beide Kinder langweilen sich daher in der Schule streckenweise ganz fürchterlich.

Ganz krass: Man schreibt hier dauernd Tests und sogar Diktate! Diktate! Willkommen in den 80ern!

Ich glaube, in der Schweiz nennt man das "traditionell".

So richtig viel Schnee liegt nicht, aber für ein wenig Kugeln reicht es.

Regeln

Auch schwierig für uns Ex-Briten: Regeln.

Im UK läßt man sich gegenseitig weitgehend in Ruhe. Ich hatte ja mal erwähnt, daß "tutting" im UK als starker Ausdruck von Mißbilligung gilt. Der Staat folgt dem gleichen Prinzip, bis hin zum für Kontinentaleuropäer unfaßbaren Umstand, daß die Polizei einen nicht einfach mal so kontrollieren darf, nur weil man komisch aussieht oder so.

In der Schweiz wird man fast schon grundsätzlich von der Polizei kontrolliert, wenn man irgendwie ausländisch zu sein scheint. Da wir immer noch unser Auto aus dem UK fahren, passiert uns das ab und zu. Das ist teilweise auch recht unangenehm.

Ich wurde z.B. am Abend des 30. Juli ziemlich rüde aber nicht explizit verdächtigt, ein Dieb zu sein, als ich nach einer kleinen Astrofotosession in den Hügeln wieder nach Hause wollte. Am Ende wurde ich mit einem "Wir müssen Ihnen wohl glauben" verabschiedet. Mein innerer Brite war zutiefst verletzt. Stand das jemals zur Debatte, daß man mir glaubt oder nicht? WTF?

In einer Sache sind die Schweizer den Briten ähnlich: Vieles wird hier über's Geld geregelt anstatt gesetzlich. Beispiel: Man muß keine Winterreifen auf sein Auto machen. Nur wenn man "zwischen Okotber und Ostern" ohne Winterreifen in einen Unfall verwickelt ist, egal wie, dann ist man üblicherweise schuldig.

Teuer

Das mit den Preisen habe ich auch schon erwähnt. Das ist aber so unglaublich, daß man es ruhig in jedem Bericht bringen sollte: Man, ist das hier sauteuer!

Kind fällt vom Schlitten

Schön: Ich hatte einen meiner Schweizer Kollegen um Rat gefragt, was Banken und Konten angeht. "Da kommst Du in den Genuss einer schweizer Kernkompetenz" sagte er, und ich war kurzzeitig fast beruhigt.

Dann jedoch schritt ich zur Tat, öffnete ein Konto, und mußte feststellen, daß das UK geradezu ein Paradies ist, wenn es um Banken geht! Keine Kontoführungskosten, keine Kosten für Karten (die bekommt man quasi hinterhergeworfen!), keine Gebühren wenn man bei anderen Banken Geld abhebt, banking im UK kostet einfach nichts.

In der Schweiz zahlt man sogar die Briefmarken für den Kontoauszug! Deswegen kann man den auf einmal im Quartal stellen, ist günstiger. Und ich so: Bitte? Schweizer Kernkompetenz?

Es gibt vermutlich nur eine Möglichkeit, langfristig in der Schweiz zu wohnen und über die generelle Kostspieligkeit hinwegzukommen: Mach' es wie die Schweizer, die sind was das angeht einfach komplett schmerzfrei.

Winter

Die Winterreifen hatte ich oben schon erwähnt. Der Winter hat natürlich noch andere Aspekte: Kälte, Schnee, Ski und Weihnachten fallen mir da ein.

Kann sich noch jemand erinnern, wie wir uns immer beklagt haben, im UK sei es kalt?

Ich nehme das hiermit offiziell zurück und behaupte: Im UK ist es bloß nie warm.

Denn was kalt ist, daß haben wir im UK tatsächlich verlernt. Aber macht ja nichts, Oberwil ist nett und bringt es uns wieder bei.

Irgendwann an einem frühen Abend im November stand ich an der Bushaltestelle Bertschenacker und hatte leider keine Mütze auf, weil ja der Bus in 2 Minuten und so. Das war ein Fehler. Und während ich mit den Händen auf den Ohren über meinen Fehler nachdachte ("Ich hätte Russland über die Flanke..."), radelte ein Trupp Gymnasiastinnen an mir vorbei, zwei davon in T-Shirt bzw. Tank Top. So ist das mit der Anpassung...

Schnee hatten wir zwischen Weihnachten und Neujahr. War nur ein wenig Schnee, aber der Winter ist ja noch lange nicht durch, ich mache mir da gar keine Sorgen. Wir werden die Schlitten sicher noch öfter benutzen können.

Das mit dem Ski ist in der Schweiz ein ziemlich großes Ding. Sogar die Schulferien sind angepaßt: Nach 2 Wochen Ende Februar (14.2. bis 1.3.) haben unsere Kinder nach nur 4 Wochen Schule im März gleich nochmal 2 Wochen (28.3. bis 12.4.), weil man muß ja zum Ski! Ganz oft!

Daß dann vom 13.4. bis zum 4.7. einfach mal so 12 Wochen Schule am Stück runtergerissen werden, scheint niemanden zu stören. Wir sind gespannt, ob die Kinder das durchhalten...

Und mein zweites in Vollverantwortung durchgeführtes Weihnachten war gut. In der Schweiz kann man ja auch ganz normal Kerzenhalter und Kerzen kaufen, da gab es diesmal keine Panik.

Frohes Neues Jahr allerseits!

P.S.: Dies ist übrigens der 150ste Bericht. Wow.

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