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Zweite Eindrücke in Basel

Hallo!

Das Fescht

Das Fescht ist jetzt doch anders, sorry, annerschd.

Ich war am Freitag und Samstag abends da, wie üblich auf dem Weg oben am Berg mit Tom. So langsam kenne ich immer weniger Leute dort, bzw. dank Tom lerne ich Leute kennen, die während meiner Studienzeit in Karlsruhe keinerlei Rolle gespielt haben, jetzt aber beim Fescht der harte Kern geworden sind.

Außerdem waren wir mit Toms Familie nachmittags beim Fescht, wenn der Aspekt Familie eine größere Rolle spielt. Das ist recht schön und vor allem unglaublich entspannt.

Man sitzt in erster Linie im Schatten und süffelt gemächlich Bier, während die Kinder rumrennen. Ab und zu kauft man Toms Kindern ein Eis und verewigt so seinen Status als Gott.

Ganz selten geht man auch mal irgendwo hin oder einfach nur ein Ründchen drehen. Das ist aber auch sehr entspannt, bloß keine Eile.

Ich mag ja solche Wochenenden.

Mit dem Fescht von damals hat das natürlich überhaupt nichts mehr zu tun.

Niemand ist übermäßig hung over (ok, fast niemand), niemand ist vor der Zeit betrunken, niemand raucht. Und: Ich war rechtzeitig zum Klassikfrühstück da! Das ist ein ganz übler Stilbruch! Jahrelang hatte ich das vor, habe es aber dank Polyintoxikation nie geschafft. Und jetzt wacht man einfach morgens um 8 auf, frühstückt langsam, geht sehr entspannt los und ist trotzdem rechtzeitig da.

Wir werden alt.

Kultur

Ich bin nicht zum ersten mal Expat, genaugenommen bin ich das seit meinem 7. Lebensjahr und dem Umzug von Frankfurt nach Hamburg, spätestens aber seit 1993, als ich von Hamburg nach Karlsruhe umsiedelte (also ohne den Hintergedanken, möglichst schnell wieder zurück zu ziehen).

Ich bin seit über 20 Jahren nicht in meiner angestammten Umgebung. Süddeutschland, Südfrankreich, Nordengland, Schweiz, alles nicht meine Kultur.

Einen Aspekt habe ich tatsächlich bei diesem Umzug zum allerersten Mal überhaupt wahrgenommen: Man muß in jeder neuen Kultur seinen "Asidetektor" komplett neu eichen.

Ich weiß gar nicht, ob die meisten Menschen sich dessen bewußt sind: Man beurteilt nicht nur völlig natürlich und permanent Menschen nach ihrem Äußeren, sondern man hat auch eine ganz klare Vorstellungen davon, wie Leute aussehen, die entweder einer gesellschaftlichen Randgruppe angehören oder das sind, was die Briten "undesireable" nennen. In Hamburg haben wir früher "Asis" gesagt.

Jeder Mensch weiß ziemlich instinktiv, wann er die Straßeseite wechseln oder wem er aus dem Weg gehen sollte.

Denkt man jedenfalls.

Das hat aber, und sowas findet man erst als Expat heraus, mit Instinkt überhaupt gar nichts zu tun, sondern ist erlernt.

Was wiederum bedeutet, daß ich in Südfrankreich und England erstmal ein wenig aufgeschmissen war. Und ich habe oben Karlsruhe angeführt, weil eben auch in Süddeutschland ein Asi ganz anders aussieht als in Hamburg. ("Echte Hamburger" werden übrigens sagen, daß ich als Bergedorfer a) gar kein Hamburger bin und b) in Bergedorf doch eigentlich Alle Asis sind, oder? Das ist selbstverständlich nur böses Gerede!)

Im UK ging die Anpassung schneller als in Frankreich, glaube ich zumindest jetzt rückblickend.

Ich war in Frankreich in einer extrem einseitigen Kultur eingebettet, nämlich quasi ausschließlich PhD-Studenten aus aller Herren Länder. Abends waren so viele Touristen unterwegs, daß sowieso alles verwirrt war. An der Côte d'Azur war die Lernphase einfach schwierig.

Und in der Schweiz?

Tja. Über die Tätowierungsdichte hatte ich ja schon geschrieben, die ist echt beeindruckend. Das wird wohl kein guter Indikator sein, tippe ich mal.

Sonst ist mir bisher nichts aufgefallen, obwohl ich schon einen Monat hier bin und viel unterwegs. Vielleicht gibt es hier keine Asis? Wäre natürlich super, aber ich denke mal das ist unwahrscheinlich.

"Du" und "Sie" - vom UK ...

Ich hatte am Telefon mit Deutschen vor ein paar Wochen darüber gescherzt: Es ist ganz angenehm, nach 10 Jahren permanentem Siezen endlich mal wieder Leute ganz einfach so duzen zu können.

Ich sehe gefurchte Stirnen...

Wer mir jetzt mit "Aber im UK duzt man doch immer!" kommt, der hat wahrscheinlich noch nie im UK gewohnt und auch noch nicht darüber nachgedacht, was es genau mit "you" und "thou" auf sich hat und mit der engen Verwandschaft zwischen Englisch und Deutsch.

Ich bin beileibe kein Linguist, aber daß die zwei Sprachen nicht weit auseinanderliegen, das merke ich auch. Das geht los mit Wörtern, denen man eine gemeinsame Vergangenheit ansieht oder anhört: sitzen, sit, rennen, run, Hut, hat, ...

Geradezu obszön auffällig finde ich jedoch, wie ähnlich die Verben nach "thou" genutzt werden: "thou shallst not ...". Das "thou" entspricht ganz klar unserem "du". Und das bedeutet, daß "you" eben "sie" ist.

Denkt man gar nicht, ist aber so.

Man hat als Deutscher vielleicht das Gefühl, im Englischen ginge es weniger formell zu, aber das ist eine Illusion die nur daher kommt, daß "you" genau wie "du" auf "u" endet. Blöde Falle. Oder es liegt daran, daß man in Deutschland Amerikanisch lernt und nicht Britisch, und daß ersteres weit entspannter ist als letzteres.

Und dadurch liegen wir Deutschen regelmäßig falsch, wenn wir die Intimität der aktuellen Konversation bewerten. Merke: Briten sind im Allgemeinen wesentlich formeller, als man es als Deutscher denkt.

"Du" und "Sie" - ... in die Schweiz

Und in der Schweiz?

Man hat mir mehrfach versichert, in der Schweiz seien Traditionen eine große Sache. Ich will dazu keine Meinung abgeben, so lange bin ich ja noch nicht hier. Mir scheint da aber durchaus was dran zu sein.

Indiz Nummer 1:

Elternabend der Klasse 4b am Wehrlin-Schulhaus in Oberwil, Baselland. Die Lehrerin erklärt das Konzept "Wochenziel" und erzählt, daß in dieser Woche ein Ziel das Erlernen eines angemessenen Grußes sei.

"Einige Kinder sagen 'Hallo!' und 'Tschüß!' anstatt 'Grüezi!' und 'Adieu!', das sollten wir aber in den Griff bekommen."

Ich weiß ja nicht, wie blöde ich genau geguckt habe, muß aber ziemlich stark gewesen sein. Später sprach mich ein offensichtlich Deutscher Vater darauf an. In der Schweiz sagt man "Hallo" und "Tschüß" nur zu Menschen, die man auch duzen würde.

Wer das also — wie ich — immer sagt, der begibt sich auf ein Niveau, das einem normalen Schweizer nicht gefällt. Muß man wissen.

Und meine armen Töchter! Die kennen Deutsch ja eigentlich nur von mir, benutzen also nur "Hallo" und "Tschüß". Die müssen sich jetzt erstmal ganz heftig umstellen.

Also mal ganz abgesehen davon, daß sie das sowieso müssen. Denn auch wenn in der Schule "Schweizer Hochdeutsch" gesprochen wird (zumindest offiziell, d.h. "meistens"), was sie mit ein wenig Anstrengung gerade noch verstehen können (dieser Akzent!), andere Kinder sprechen eben "Schweizerisch", und da haben weder meine Kinder noch ich eine Chance.

Meine Schwester (geboren in Frankfurt) und ich (geboren in Darmstadt) sollen in unseren frühen Jahren perfekt Hessisch gesprochen und das nach dem Umzug nach Hamburg innerhalb von 6 Monaten komplett abgelegt haben. Insofern mache ich mir um die Kinder nicht so viele Sorgen, die kriegen das schon hin.

Aber was ist mit mir? Oder mit Souad? Ich bin gespannt!

Und wo wir gerade bei Sprachen und Familie sind: Ania hat in den 7 Wochen in Algerien zwischen UK und Schweiz ihr Deutsch einfach mal so verlernt.

Vorher hat sie vielleicht 40% Deutsch gesprochen, meist in Kombination mit Englischen oder Französischen Wörtern, die sie kreativ eingedeutscht hatte. Seit den Ferien jedoch ist das vorbei. Zur Zeit spricht sie mit mir nur Französisch, und zwar fast reines Französisch, mit nur sehr wenig Englisch eingestreut.

Wir fragen uns natürlich wie das kommt, aber das werden wir wohl nie erfahren.

Auf jeden Fall ist es herzerwärmend, sie mit Schweizer Kindern zu beobachten.

Sie redet unbeirrt Französisch, teilweise sogar mit Kindern die klar Englisch-sprachig sind. Ich gehe davon aus, daß sie das Schweizerisch der anderen Kinder nicht versteht. Wie das bei Kleinkindern so ist klappt die Kommunikation trotzdem irgendwie.

Sodele erstmal,
Jan

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