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Weggehen

N'Abend,

Wenn man irgendwo 10 Jahre gewohnt hat und dann wieder verschwindet, dann läßt man ziemlich viel zurück. Besonders die kleinen Dinge aus dem Alltag, die man eigentlich gar nicht mehr wahrgenommen hatte, sehen auf einmal ganz anders aus. Man bemerkt sie wieder, wie ganz am Anfang.

London / Virgin Trains

Am Freitag den 30.5. sitze ich zum letzten mal in einem Pendolino nach London.

Habe zur Feier des Tages first class gebucht und daher ein "full English breakfast" vor mir liegen. Und ebenfalls zur Feier des Tages habe ich heute sogar den black pudding gegessen, eine Art Blutwurst. Kann man essen.

Full English breakfast ist bestimmt auch deswegen im UK so beliebt, weil man da eigentlich als Koch nichts falsch machen kann. Wurst aufwärmen, Schinken anbraten, Spiegelei machen, black pudding aufwärmen, Kartoffelpuffer dazu und brown sauce.

Das ist wirklich so simpel, daß man als Konsument nur selten damit böse Überraschungen erleben dürfte. Wie McDonalds, nur mit mehr Öl und besser gegen Hangover.

Büro in London

Zum letzten Mal im Büro in London. Quarter end, daher ist das Büro gerammelt voll mit Sales und Presales. Krass.

Erledige meine geplante Aufgabe in etwa 20 Minuten, suche dann 30 Minuten erfolglos nach einem bestimmten Tweet. Lese Emails. Antworte wo nötig. Kurzer Chat mit der Frau am Empfang über Büros, London und Basel.

Trip zu einem Elektronikladen auf der Tottenham Court Road (da gibt's ja den einen oder anderen davon), Umweg über Apple Store, weil Kollege ein Geschenk für seine Freundin kaufen will. Frische Luft ist doch was gutes...

Später dann Pub, 4 pints, strangers, banter. Bin pleasantly pissed und schaffe es gerade noch rechtzeitig zum Bahnhof.

Auf meiner letzten fahrt im Pendolino sitze ich nicht auf meinem gewohnten Platz K13, sondern auf J27. Das fühlt sich komisch an, aber nur ein wenig.

Dabei fällt mir auf: Bin ich wirklich so ein Gewohnheitstier? Ich habe in den 6 Jahren bei Omniture/Adobe bestimmt 2 bis 3 Abstecher nach London gemacht pro Monat, also insgesamt um die 150 - 200 Fahrten. Und ich habe bis auf eine Handvoll Ausnahmen auf dem Rückweg immer in Wagen K auf Platz 13 gesessen. Wow.

Abstecher

Aus dem Zug kann man sehen, wie schön England ist. Felder, Wälder, Kanäle, Hügel, Hecken und vor allem Grün.

Das erinnert mich an all die Dinge, die ich in den 10 Jahren nicht getan habe: Lake District, Wales, Snowdonia, Portmeirion ("Ich bin keine Nummer! Ich bin ein freier Mensch!"), mit dem Boot einen Kanal befahren, ...

Wer schonmal an einen ganz neuen Ort gezogen ist, weiß daß man wegen all der neuen Eindrücke den alten Ort sehr schnell hinter sich läßt. Unser Hirn hat einfach nicht so viel Platz.

Deswegen möchte ich jetzt noch ein wenig schwelgen. England war gut zu uns, und es verdient Respekt und vor allem daß wir uns erinnern. Im Grunde sollte ich noch eine große Tour machen und dabei all die Dinge fotografieren, die ich gesehen habe oder sehen wollte. Hm... Vielleicht sollte ich warten, bis die Frauen in Algerien sind und dann mit dem Auto alle Stationen abfahren?

Fliegen

Am 2.6. auf dem Weg nach Berlin hatte ich mich von meinem Lieblingsflughafen verabschiedet, voreilig, wie sich herausstellte. Am 11.6. war ich wieder da und am 26.6 werde ich noch einmal von dort fliegen. Da ich am 2.7. abfahren will, wird das dann aber wohl wirklich der letzte Flug von dort sein.

Ich mag den Flughafen Manchester, obwohl ich nicht mehr so genau weiss warum eigentlich.

Bis vor etwa einem halben Jahr gab es noch einen guten Grund: Manchester International Airport hatte die schnellste Security unter der Sonne.

Seit einiger Zeit gibt es am Morgen allerdings absurd lange Schlangen, die ich mir nicht wirklich erklären kann. Ich denke Manchester war bis vor einigen Monaten schlicht überdimensioniert und hat mittlerweile eine Kapazität erreicht, wo Dinge nicht mehr ganz so gut klappen.

Und ja: Berlin Tegel ist auch super. Der hat so einen herrliches Busbahnhofambiente.

Engländer

Seit ein paar Tagen fragt mich niemand mehr, wann wir denn nun genau weggehen werden.

Die Kinder hatten am 23.5. in der Schule schon Abschied gefeiert, weil wir dachten, wir würden Anfang Juni verkauft haben. Als wir dann nach den Ferien am 9.6. immer noch da waren, gab es viele erstaunte Blicke auf dem Schulhof.

Und weil ich sehr konsequent auf die Frage "Wann geht Ihr denn nun?" immer mit "Wissen wir noch nicht" antworte, fragt mich jetzt niemand mehr. War wohl langweilig auf die Dauer.

Dumm daran ist, daß es gar nicht so einfach ist, einen Abschiedsumtrunk zu organisieren, wenn man nicht weiß, wann man weggeht.

Die Jungs vom Fußball planen wohl was, und die kleine Schulhofclique wird am 28.6. Essen gehen. Für volllaufen lassen wird es nicht reichen, weil einige der Jungs am nächsten Tag in Manchester bei einem Radrennen mitfahren, aber das soll uns ja nicht stören.

Ich mag sie ja gerne, meine Gastgeberlandbewohner, insbesondere die hier im Norden.

Ausländer

Was ich weniger gerne mag ist das Ergebnis der letzten Europawahlen. Im UK generell hat UKIP ganz gut abgeräumt, und in Heald Green sieht es noch schlimmer aus.

Das liegt vermutlich nicht nur, aber doch zu einem großen Teil daran, daß wir hier seit ein paar Jahren eine Moschee haben.

Heald Green ist populärer geworden für Familien, denen eine Moschee wichtig ist. Und wegen der geänderten Zusammensetzung der Einwohner haben wir jetzt einen wunderbaren Laden gleich nebenan, der (für mich) exotische Waren verkauft. Wir haben seitdem unsere Einkäufe in Supermärkten mehr als halbiert und essen viel mehr frisch. Ganz klar eine Entwicklung in die richtige Richtung!

Leider sehen die meisten britischen Einwohner die Veränderungen eher negativ. Und weil die Moschee so populär ist, will sie sich jetzt vergößern, was für echte Reibereien sorgt.

Was hat das mit mir zu tun?

Erstens: wer sagt er sei kein Rassist, möchte aber nicht, daß Heald Green zu "Halal Green" wird, der hat nicht verstanden wo Rassismus anfängt, und daß er nicht einfach da wieder aufhört wo man das möchte. Dazu gehören hier Leute, die ich sonst sehr mag und insofern bin ich echt froh, daß wir jetzt gehen. Auf diese Diskussion habe ich wirklich keine Lust.

Und ich will nicht der "gute Ausländer" sein. Es ist sehr schwierig, Leuten zu vermitteln, daß ich mich als Ausländer fühle hier, jedenfalls wenn es um das Thema geht, und zwar im weitesten Sinne. Ich nehme an das kann man als Einheimischer nicht nachvollziehen, genau wie man als Mann nicht wirklich fühlen kann, wie wichtig Emanzipation immer noch ist. Für die meisten hier sehe ich einfach aus wie einer von ihnen. Unsere Familie ist aber viel komplexer. Wir sind Ausländer. Und natürlich betrifft uns auch das Thema an sich.

Zweitens: seit der Wahl fühlen wir uns hier weniger willkommen. Auch das ist eine schwierige Diskussion mit einigen Leuten hier, aber ich glaube nicht an Zufall. Souad wurde vor ein paar Tagen zum erstan Mal in den 10 Jahren auf der Straße blöd angeraunzt, weil sie mit Ania redete.

Das geht zurück auf die Geschichte mit Nigel Farage (UKIP Chef), der in einem Interview mehr oder weniger sagte, seine (deutsche) Frau könne selbstverständlich mit den Kindern Deutsch reden, aber doch bitte nicht in der Öffentlichkeit.

Ich habe den Verdacht, daß der Erfolg der Rechten bei den Wahlen vielen ehemals stummen Leuten das Gefühl von Sicherheit gibt: "Oh wow, viele andere denken auch so, dann kann ich das ja offen sagen!"

Klinge ich etwas bitter? Mag sein. Ich hätte das UK gerne postiver in Erinnerung behalten.

Und was ich wirklich nicht verstehe: Wie kann man Leute ins Europäische Parlament wählen, die dort niemals hingehen werden, sich aber durchaus dafür bezahlen lassen? Wieviel ist eine Proteststimme wert?

Letzte Woche

Ich fliege gerade nach München. Morgen habe ich freigenommen und wir werden das Gepäck für die Frauen packen, denn die fliegen am Samstag um 6:20 zu den Schwiegereltern.

Ich räume dann noch 2 Tage auf, am Montag kommen die Packer und am Dienstag der Umzugswagen. Dann fahre ich los. Werde ein letztes Mal dem Haus zuwinken und unsere Straße herunterfahren.

Morgen bringe ich zum letzten Mal die Kinder in die Schule. Gestern war Ania zum letzten Mal bei der Gymnastik, letzten Freitag war das letzte Mal Schwimmen für Lilia und Ines.

Am Samstag spiele ich zum letzten mal 6-a-side, Sonntagabend geht's noch einmal in den Pub.

Am letzten Wochenende waren wir einmal eingeladen (zum letzten Mal) und einmal bei einem Kindergeburtstag aus der Clique, mit der Lilia als Kind immer gespielt hatte. Die richtig tränenreichen Abschiede haben wir also hinter uns, wobei die Kinder eigentlich gar nicht so beeindruckt waren.

Wahrscheinlich sind die drei Mädchen so nah, daß sie "externe" Freunde als eine Art Luxus sehen.

Nur der Abschied zwischen Lilia und ihrem ersten richtigen Freund Ted war herzzerreißend. Es war für alle offensichtlich, daß die Zwei traurig waren. Sie sind aber auch in dem Alter, wo man nicht einfach jemanden in den Arm nimmt, und so wußten sie beide nicht so recht was tun.

Am Ende fühlten wir Erwachsenen uns genötigt, den beiden zu versprechen daß sie sich wiedersehen würden. Umarmt haben sie sich tatsächlich nicht.

Fertig

So, und jetzt stelle ich den Bericht mal live, denn ab morgen habe ich garantiert keine Zeit mehr dafür.

Ich kann ja gerne einen Reisebericht schreiben über den Trip von Manchester über Hamburg nach Basel. Bin ja selber gespannt, wie das laufen wird.

Und natürlich fangen wir in der Schweiz wieder ganz von vorne an, ich kann also wieder viele neue Eindrücke sammeln und weitergeben.

Wird super!

Bye now!
Jan

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